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Grußwort der Prorektorin

zum Kölner Symposium "50 Jahre Römische Verträge" am 13. April 2007.

1. Juni 2010
urn:nbn:de:hbz:38-74773

Abstract Deutsch

In ihrem Grußwort erinnert die Rechtswissenschaftlerin und Prorektorin der Universität zu Köln, Prof. Dr. Barbara Dauner-Lieb, an die Worte des einstigen Kölner Oberbürgermeisters, Konrad Adenauer, aus dem Jahr 1919, mit denen er Völkerversöhnung und Völkerverständigung als besondere Aufgabe der damals gerade wiedereröffneten Universität zu Köln beschwört. Dauner-Lieb zeigt auf, in welcher vielfältigen Weise die Universität zu Köln heute diesem Anspruch genügt: Neben Austauschprogrammen, EU-geförderten Projekten und vielfältigen weiteren Projekten mit europäischen Fragestellungen weist sie insbesondere auf zwei Studiengänge hin, die an der Philosophischen und der Rechtswissenschaftlichen Fakultät gleichzeitig studiert werden und den Studierenden besondere Karriere-Chancen bieten: Der Deutsch-Französische Masterstudiengang Rechtswissenschaft und der Verbundstudiengang Europäische Rechtslinguistik. Sie erwähnt allerdings auch Projekte und Tendenzen der Europäisierung an den Universitäten, die sie mit großer Skepsis betrachtet, darunter den Bologna-Prozess als solchen. Dieser könne zu einem Werteverlust führen, ohne gleichzeitig neue Werte zu schaffen. Damit appelliert Dauner-Lieb an eine kritische Auseinandersetzung der Wissenschaft mit der Europäisierung.


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Herr Minister, liebe Frau Burr, lieber Herr Kempen, liebe Kollegen, liebe Gäste!

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Im Namen des Rektorats der Universität zu Köln begrüße auch ich Sie sehr herzlich zum Kölner Symposium zum 50jährigen Jubiläum der Römischen Verträge. Wir sind sehr stolz darauf, dass eine so hochrangige Tagung mit so prominenten Referenten und Teilnehmern gerade hier in unserer Universität stattfindet. Die Hochschulleitung wünscht der Tagung viel Erfolg und vor allem auch in ihren Beiträgen nachhaltige Wirkung.

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Die Universität zu Köln war der Idee eines friedlichen Zusammenwachsens der europäischen Völker schon lange vor Abschluss der Römischen Verträge sehr verbunden. Ich zitiere aus der zentralen Ansprache der Wiedereröffnung der Universität zu Köln vom 12. Juni 1919: „Das hohe Werk dauernder Völkerversöhnung und Völkerverständigung zum Heile Europas zu fördern wird die besondere Aufgabe der Universität zu Köln sein. Sie soll zeigen, dass zwischen allen europäischen Völkern schließlich doch viel mehr des Gemeinsamen als des Trennenden ist, und so dem wirklichen Völkerbunde dienen. Wie auch der Friedensvertrag aussehen mag, hier am Rhein, an der alten Völkerstraße, werden während der nächsten Jahrzehnte die deutsche Kultur und die Kulturen der westlichen Demokratien zusammenstoßen. Wenn ihre Versöhnung nicht gelingt, wenn die europäischen Völker nicht lernen, über der berechtigten Wahrung ihrer Eigenart das aller europäischen Kultur Gemeinsame zu erkennen und zu pflegen, wenn es nicht gelingt, durch kulturelle Annäherung die Völker wieder zu einigen, wenn auf diesem Weg nicht einem neuen Kriege unter den europäischen Völkern vorgebeugt wird, dann ist Europas Vormacht in der Welt dauernd verloren.“ Und es folgt wieder ein lateinischer Satz: „Vivat, floreat, crescat, Alma Mater Coloniensis.“

Meine Damen und Herren, diejenigen hier, die mit der Kölner Stadtgeschichte nur ein wenig vertraut sind, wissen, von wem diese Sätze stammen. Sie wurden von Konrad Adenauer formuliert, damals erst 43 Jahre alt, und damals ganz jung Oberbürgermeister der Stadt Köln, seit zwei Jahren, seit 1917.

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Die Universität zu Köln hat die von Adenauer formulierte europäische Herausforderung in einer Weise angenommen, auf die Adenauer heute sicher stolz wäre, wenn er sich das alles hier anschauen könnte. Heute, fast 90 Jahre nach der Neueröffnung der Universität zu Köln, haben wir ein ganz ausgeprägtes Europaprofil, das – ich glaube, ich darf das sagen – nicht zuletzt auch von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät maßgeblich geprägt wird.

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Ich kann hier aus der Fülle der Aspekte nur sehr wenige andeuten und hoffe, dass ich niemanden kränke, wenn gerade sein Projekt nicht erwähnt wird. Wir haben eine blühende Erasmus- und Sokrates-Kultur, wir steigern in allen Fakultäten, allen voran in der Philosophischen, in der Wirtschafts-und Sozialwissenschaftlichen, in der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, jährlich die Zahl der Studierenden, die während des Studiums ins Ausland gehen, und auch die Zahl der Gäste aus Europa, die bei uns einen Teil ihres Studiums verbringen. Interessanterweise sind bei den so genannten Outgoings Spanien, Frankreich und Italien ganz oben auf der Hitliste, keinesfalls England, das hat aber natürlich auch finanzielle Gründe.

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Wir haben, so ist mir aus der Verwaltung mitgeteilt worden, 31 Projekte im Moment, die aus Forschungsmitteln der EU gefördert werden, mit einem Fördervolumen von deutlich über 4,3 Mio. €, das ist für eine Universität unserer Größe immer noch sehr viel. In allen Fakultäten laufen aber vielfältige weitere Projekte, die die Leitung gar nicht so ohne Weiteres kennt, mit europäischen Fragestellungen. Man muss nur ein bisschen ins Vorlesungsverzeichnis oder in den Wissenschaftsbericht gucken, dann sieht man, wie lebhaft die Kultur ist und wie bunt, und was da alles gemacht wird.

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Speziell aus der Rechtswissenschaftlichen Fakultät zu erwähnen ist natürlich zunächst einmal der höchst erfolgreiche Deutsch-Französische Magisterstudiengang, der schon sehr lange echte Doppeldiplom-Chancen bietet: Man kann einen Abschluss parallel in Köln und in Paris haben. Alle Absolventen des Deutsch-Französischen-Magisterstudiengangs gehen ohne jede Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt mit außerordentlichen Karriere-Chancen weg. Ich glaube, dass dies nach wie vor ein Modell ist, das wirklich vorbildlich gelungen ist.

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Wir haben parallele Partnerschaften, die noch nicht ganz so groß sind, mit London, wir fangen an mit Danzig, mit Italien sind wir auch in Verhandlungen.

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Die äußerst große Bedeutung des Europarechts sowohl in einem öffentlich-rechtlichen Sinne als auch einfach im Sinne einer Europäisierung des Rechtes in der Forschung und in der Schwerpunkt-Bereichs-Ausbildung bei uns ist offensichtlich. Wir haben, es wurde schon erwähnt, mit Herrn Kollegen von Danwitz nun einen veritablen Richter am EuGH aus unserer Fakultät und sind natürlich ganz außerordentlich stolz darauf.

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Und nicht zuletzt möchte ich erwähnen, dass im Februar diesen Jahres der ganz innovative und völlig neue Bachelor- und Master-Verbundstudiengang Europäische Rechtslinguistik akkreditiert wurde, der sicherlich ganz interessante, weiterführende Impulse setzen wird. Insgesamt bietet sich also ein buntes, dynamisches Europa geneigtes, sehr erfreuliches Bild.

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Die Sorgen, die wir in der Universität haben, möchte ich nicht ganz unerwähnt lassen. Manche großen, europäischen Projekte, politische Projekte, geben durchaus Anlass zu Zweifeln. Ich erwähne nur beispielhaft das Projekt Europäische Schuldrechtsvereinigung, mit der sich eine ganze Reihe von juristischen Fachkollegen sehr intensiv sowohl politisch als auch wissenschaftlich kritisch befassen. Hier besteht die Gefahr, dass im Zeichen eines allzu gründlichen Verbraucherschutzes die tragenden Säulen einer marktwirtschaftlichen Ordnung, nämlich Vertragsfreiheit und Selbstverantwortung der Bürger und der Unternehmen, auf der Strecke bleiben. Das Justizministerium wird in der nächsten Woche versuchen, dazu im Rahmen einer großen Veranstaltung zumindest die Diskussion noch einmal zu beleben.

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Ein weiterer Punkt, der natürlich eine Hochschule besonders berührt, ist der Bologna-Prozess. Meine Damen und Herren, ob die damit verfolgten Ziele erreicht werden, ob sich das alles gelohnt hat, ob die armen Juristen, die jetzt auch noch einbezogen werden – davon bin ich leider fest überzeugt – davon wirklich profitieren, und ob nicht sehr viele Werte dabei kaputt gehen, ohne dass entsprechende Werte geschaffen werden, erscheint mir noch völlig offen.

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Es ist zu befürchten, dass die Austauschaktivitäten zumindest in den grundständigen Studien zurückgehen, weil kaum noch Platz ist, in den kurzen Bachelor-Studien, ausreichend Austausch zu pflegen. Und ob die geistigen Ziele erreicht werden, daran habe ich persönlich auch meine ganz großen Zweifel.

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Das soll uns heute in keiner Weise die positive Stimmung verderben. Es zeigen diese kleinen kritischen Anmerkungen aber nur, wie wichtig es ist, dass gerade die Wissenschaft die Europäisierung wohlwollend kritisch – aber eben auch kritisch – begleitet und dazu beiträgt, dass alles einen guten Gang geht. Diese Tagung kann und wird, davon bin ich überzeugt,  einen ganz wichtigen Beitrag leisten. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen sehr ertragreichen Tag.

Vielen Dank.